Gedichte von Tobias Weißert
Tobias Weißert ist langjähriger Friedensaktivist aus Frankfurt am Main. Hier seine drei letzten Gedichte zur Lage.
Wir melden uns freiwillig
Oh lieber Herr Pistolius, als Folge deines Rufs
Kommen wir Fünfe her, behufs
der Sorge, dass zu wenig Leut
zuströmen für dein großes Heer,
melden wir uns zum Dienste heut
und bitten, nimm uns alte Leut
und lass uns ans Gewehr.
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Bedenke, lass die Enkel gehn,
sie sind doch viel zu jung,
sie müssen erst die Welt noch sehn
mit jugendlichem Schwung.
Sie haben nicht genug geliebt, gespielt, gelernt, genossen,
das Grauen wölkt uns das Gehirn
denken wir sie zerschossen.
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Du planst, dass auch dein blut’ger Krieg
die jungen Menschen frisst
Für sie gibt’s niemals einen Sieg
tot sind sie und vermisst
Nur Name bleibt auf erz’nen Tafeln
vor der die Priester und Notabeln
vom Ruhm für’s Vaterlande schwafeln.
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Wenn es ums Geld geht, ist dein schlimmer Tort
wir fräßen auf, was Junge bräuchten
Wir nehmen dich jetzt nur beim Wort
indem wir rechnerisch beleuchten
wie viel an Renten du da sparst, wie viel an Lebensjahren
wenn du die Alten engagierst
und mit uns gegen Ost marschierst
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Schau, wir bewegen uns noch flott
und sieh, so grüßt man die Caesaren
Wir halten Glied im gleichen Trott
und werden Mut bewahren
Zwar zwickt das Knie, die Wade brennt
doch wenn man auch viel schneller rennt,
der Tod stets deinen Platz erkennt.
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Die Finger sind noch sehr geschickt
und können Knöpfe drücken.
Hat man auf „on“ ganz leicht geklickt
wird manche Drohn ausrücken
auch mit Raketen geht’s nicht schwer
es braucht der Muskelkraft nicht mehr
so zier dich nicht und nimm uns her ins greisenhafte Männerheer
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Glaub uns, oh Herr Pistolius,
wir haben abgeschworen.
Als wir den Dienst verweigerten,
war’n wir noch junge Toren.
So warst auch du als junger Mann
bestimmt noch linkssozial,
Hast dich geändert, wurdest dann zu rechtem deutschen Stahl.
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Dass Russland nun zum dritten Mal
uns anzugreifen denke
ist als Idee absurd und sehr fatal
dass sie das deutsches Schicksal lenke.
Wir nehmen’s hin, verlangen nur,
der Einsatz muss sich lohnen
dass man die Jungen draußen lässt, die müssen wir verschonen.
Uns’re Jahre woll’n wir geben
lass’ dafür die Jungen Leben
Schicksallied
Wenn die Herrschenden von Schicksal sprechen
Bürger mach dein Testament
wenn sie deutsche Ehre rächen
dunkelt sich das Firmament
Wenn vom Machtdrang überfallen
Führungsanspruch wird gestellt
sag’ Ade den Träumen allen
zur Kaserne einbestellt
Wenn sie ihren Feind justieren
der ihr Vaterland bedroht
hast du mehr noch zu verlieren
als die Wohnung und das Brot
Wird der Untergang beschworen
falls der Sieg noch mal misslingt
geht Soziales rasch verloren
Bürgerrecht wird ausgeklinkt
Frieden wurde auch versprochen
als das dritte Reich begann
Worte werden leicht gebrochen
mit Erobern fing man an
Als dann einst die Schlacht verloren
wollten sie totalen Krieg
Bomben flogen um die Ohren
Trümmer war, was übrig blieb
Was woll’n wir von der Ukraine
was vom weiten Russenland?
Weder Böden noch die Steine
uns genügt das Heimatland.
Abenteurer sind Imperialisten
Welteinfluss ihr inn’rer Zwang
sie verlangen aufzurüsten
uns kann’s werden angst und bang
Hört, was markig der Herr Rütte
NATOs Ober-Sekretär
laut verkündet aus der Bütte
als ob’s selbstverständlich wär
Krieg wie zu Ureltern Zeiten
droht er uns in kurzer Frist
und verlangt, dass wir bestreiten
was der Sumpf der Rüstung frisst
Zeitenwende, Zeitenende
Schicksal, Krieg und Untergehn
Deutsches Volk mach dem ein Ende
Weig’re dich hier mit zu gehen
| Nachtrag zum Gedicht (22.12.2025):
In Russland leben 144 Millionen Menschen; in der EU 450 Millionen. |
Kennst du das Land …
Kennst du das Land, wo bald Kanonen blühn
nato-oliv getarnte Panzer ziehn
wo Bomber donnern übern First
so sehr, dass dein Gehör zerbirst
Wo Drohnen vor den Fenstern stehn
um selbst Intimstes auszuspähn
Da, wo’s dir fast wie Heimat schien
Daraus, daraus
will ich mit dir, Geliebte, fliehn
Kennst du das Land, wo nur die Rüstung wächst
wo man für Höchstprofit demnächst
die Löhne, Renten, die Gesundheit kürzt
und Arme in Verzweiflung stürzt
Wo man das Mitleid unterdrückt
Schutzsuchende zum Henker schickt
wo täglich droht der rechte Graus
Daraus, daraus
will ich mit dir, Geliebte raus
Kennst du das Land, wo man das Wort verbiegt
von morgens früh bis in die Nacht rein lügt
wo anderswo nur Autokraten sind
während man hier den Milliardär nicht find
der Zeitung, Fernsehn, Politik sich kauft
und sich geläutert demokratisch tauft
doch lieber lauscht der Diktatoren Wort
Hinfort, hinfort
will ich mit dir an einen sich’ren Ort
Kennst du das Land, wo man „Nie Wieder“ spielt
in Sack und Asche nur auf Beifall zielt
während man Waffen, Geld, Soldaten schickt
dahin wo’s was zu Raffen gibt
und jederzeit aus Eigennutz
sich stark macht für des Reichtums Schutz
bereit für Krieg um gold’nen Dreck
nur weg, nur weg,
Das Leben hier hat keinen Zweck
Wohin, wohin,
auswandern macht doch keinen Sinn
du kannst die Sprache, kennst die Leute nicht
fremd starrst du in ihr Angesicht
und weißt, gesichert informiert,
dass man auch dort nach rechts marschiert
noch ist’s bei uns nicht ganz so weit
noch bleibt uns eine Spanne Zeit
Wir dürfen nicht ins Fremde gehn
hier ist der Ort zu widerstehn
Nach Goethe/Kästner (9.2.2026)
