Finch über Kriegshysterie: Ein Song und sein Kulturkampf
„Mein Vaterland ist stolz, doch Mama weint“ – ein Song und sein Kulturkampf
Der Künstler Finch kündigt den Song „Kein Bock auf Krieg“ an. Ein Offizier schreibt: „Putins Helfer“. Die Kommentare kochen hoch. Die Frage bleibt: Wer hat hier eigentlich Angst vor wem?
Berliner Zeitung vom 15.12.2025
Auszüge:
Am 13. Dezember 2025 postet der Künstler Finch die ersten Szenen zu seinem neuen Song „Kein Bock auf Krieg“ in den sozialen Medien. Die Bilder sind drastisch und bewusst inszeniert. Finch und Kinder in Armeeuniformen singen im Chor, dirigiert von einer Figur, die in Haltung und Frisur unverkennbar an Friedrich Merz erinnert. Im Hintergrund entfaltet sich eine riesige Deutschlandfahne. Die Lyrics treffen einen rohen, emotionalen Nerv: „Mama ist am weinen, doch mein Vaterland ist stolz. Das erste Mal verliebt und schon zieh ich in den Krieg für die Politik, doch wir haben das nie gewollt.“
Es ist mehr als ein neuer Track. Finch und sein Text sind das explizite politische Sprachrohr einer Generation, die sich von der hochabstrakten, in Ministerien und Talkshows geführten Sicherheitsdebatte um „Zeitenwende“ und „Kriegstüchtigkeit“ unmittelbar betroffen, aber übergangen fühlt. Die Reaktionen auf die Vorschau-Videos bei Instagram und TikTok entfalten jedoch weniger eine sachliche Auseinandersetzung als vielmehr einen fundamentalen Bruch in der Art, wie in Deutschland über Sicherheit, Pflicht und Widerstand gesprochen werden darf und wer dabei als Verräter gilt.
Rap als Medium
Finch bedient sich hier einer traditionsreichen, aber höchst aktuellen Rolle des deutschsprachigen Rap. Nämlich der des radikal subjektiven, systemkritischen Chronisten, der Politik in gefühlte, körperliche Erfahrung übersetzt. Er steht damit in einer direkten Linie zu Werken wie dem Song „Frieden“ von K.I.Z aus dem Jahr 2024. Dessen dystopisches Video, in dem Grundschulkinder mit den Lippen die Stimmen der Rapper synchronisieren und in einer Pappmaché-Welt militärisch gedrillt werden, setzt auf ähnliche visuelle Mittel. […]
Der Kampf um die Deutungshoheit über Sicherheit und Frieden ist in vollem Gange, und er tobt nicht nur in Bundestagsdebatten, sondern auch in den Kommentarspalten der sozialen Medien.
