Interview zu den Deutsch-russischen Friedenstagen in Bremen
Nachfolgend eine Stellungnahme von Michael Müller, Vorstandsvorsitzender des Vereins Deutsch_Russische Friedens_Tage Bremen e. V., zu den eigenen Aktivitäten (1.7.2026). Die schriftlich vorgelegten Fragen stellte Karl-Heinz Peil.
Soeben fanden die achten deutsch-russischen Friedenstage statt – erstmals im November 2019. Wie kam es dazu?
Erste Gespräche zur Gründung des Vereins Deutsch_Russische Friedens_Tage Bremen e. V. entwickelten sich Ende 2018. Damals verstärkte sich die konfrontative Politik der Regierenden der Bundesrepublik gegenüber der Russischen Föderation. Es zeigte sich die Bereitschaft zur Eskalation im Zusammenhang mit der Osterweiterung der NATO und mit dem gelungenen Ukraine-Putsch 2014 – entgegen allen früheren Vereinbarungen und unter Inkaufnahme der Zerstörung der wechselseitig vorteilhaften Wirtschaftsbeziehungen.
Parallel dazu war erkennbar, dass praktisch in Dauerwerbeschleife, vor allem in ARD und ZDF, am Feindbild Russland gearbeitet wurde. Die positiven Erfahrungen mit einer Ostpolitik der Annäherung in der Ära Brandt / Bahr wurden in den Wind geschlagen. Die einst mit Kanzlerin Merkel vereinbarte strategische Partnerschaft wurde faktisch ausgetrocknet.
Diese besorgniserregenden Entwicklungen setzten 2018 im Bremer Friedensforum den Impuls für eine Initiative zur Förderung und Fortsetzung der Verständigung zwischen den beiden Völkern.
Im ersten öffentlichen Aufruf zur Vereinsgründung hieß es: „Schon länger sehen wir mit Sorge, wie in Teilen der Politik und der Medien in Deutschland gegenüber Russland eine konfrontative Haltung eingenommen wird. Im Rahmen der NATO finden unter deutscher Beteiligung Großmanöver und Truppenstationierungen an der russischen Grenze statt. Es entsteht ein Klima, das der Entspannung und den Frieden zuwider läuft.“
Und zu den Vereinszielen hieß es: „Mit einem Bündel von kulturellen und politisch-informativen Veranstaltungen sollen positive Impulse für das Verhältnis zwischen beiden Ländern gesetzt werden. Als ein konkretes Ziel unserer Aktivitäten streben wir eine Städtepartnerschaft zwischen Bremen und einer russischen Stadt oder Region an. Damit soll durch die Begegnung zwischen Menschen in beiden Staaten das gegenseitige Verständnis und die Überwindung von Feindbildern gefördert werden.“
Folgerichtig suchten die Initiatoren der Friedenstage auch das Gespräch mit offiziellen Vertretern der Russischen Botschaft. Am 10. Januar 2019 erfolgte der Besuch einer Bremer Delegation zum Gedankenaustausch in Hamburg.
Bereits damals wurde die Unterstützung unserer Initiative durch russische Künstlerinnen und Künstler angesprochen; es wurde auf die Zuständigkeit von Agenturen und die gut vernetzten Mitarbeiter im Russisches Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin verwiesen. Vereinbart wurde die Fortsetzung der Kontakte. Dazu gehört auch die spätere Überlassung einer umfangreichen Ausstellung zum Thema Blockade Leningrads 1941-1944.
Zurück in Bremen, wurden die Vorbereitungen der ersten „Deutsch-russischen Friedenstage“ konkretisiert. Ermutigt durch die große Zustimmung in der Bremer Friedensbewegung Bremens wurde die Idee der Vereinsgründung in die Tat umgesetzt. Name und Signet sind entscheidende Weichenstellungen für den künftigen öffentlichen Auftritt. Eine Friedenstaube durfte im Signet nicht fehlen – und schon der Name sollte das Programm zeigen.
Dabei konnte sich der Initiativkreis über die Unterstützung von zwei bekannten Grafik-Designern freuen. Prof. Jürgen Waller, von 1990-2002 Rektor der Hochschule für Künste Bremen, entwickelte das Design des noch heute verwendeten Signets. Zur Vereinsgründung im August 2019 schenkte der bekannte Maler und Objektkünstler alle Rechte an diesem Werk dem Verein.
Die ersten drei Friedenstage fanden vor der hierzulande proklamierten „Zeitenwende“ statt, mit der das Feindbild Russland eskalierte. Was hat sich seitdem bei euch geändert?
Wir betonen immer, dass es uns um Völkerverständigung und zwischenmenschliche Begegnungen geht. Insofern sind wir keine ‚politische‘ Initiative. Durch die praktischen Konsequenzen der verkündeten Zeitenwende (Diskreditierung alles Russischen, Reisebeschränkungen u. a.) werden wir – wie viele andere auch – in unserem völkerverbindenden Engagement behindert. Daher sehen wir uns zunehmend veranlasst, auf diese politische Einflussnahme ebenfalls mit politischen Argumenten zu antworten.
Über die Politik Russlands kann man natürlich kontrovers diskutieren. Das gilt nicht für die Kultur, die bei den diesjährigen Friedenstagen ja auch als Schwerpunkt gesetzt ist. Welche Rolle kam der Kultur bei den früheren Friedenstagen bereits zu und warum jetzt noch mal diese explizite Schwerpunktsetzung?
Natürlich kann und sollte man auch über Kultur(politik) intensiv diskutieren. Man vergleiche nur einmal die offiziellen (regierungsamtlichen) Aussagen zur Kulturpolitik in Russland mit denen in Deutschland oder in Frankreich …
Von Anfang an ging es uns darum, einem hässlichen Feindbild das Bild einer hochstehenden Kulturnation entgegenzusetzen, die die gleichen moralischen und kulturellen Wertmaßstäbe vertritt wie der aufgeklärte Westen – oft sogar auf einem höheren Niveau. So finden sich in unseren Programmen zum Beispiel lyrische Werke von A. Puschkin, W. Mjakowski, S. Jessenin, A. Achmatowa, F. Dostojewskij, T. Aitmatow u. a.
Kunst und Kultur sprechen die Menschen auf einer gemeinsamen Gefühlsbasis an, sie ‚verbinden die Herzen’. Hier haben Feindbilder auf Dauer keinen Raum.
Kunst, Musik, Literatur und andere Künste sind universelle Sprachen, die verstanden werden, auch wenn sich regionale Sprachen als Barrieren erweisen.
Sie ermöglichen es, das Fremde zu verstehen und das Eigene im Fremden zu entdecken.
Wir haben sehr davon profitiert, dass sich aus unseren Reihen schon frühzeitig eine Initiative bildete, die in Zusammenwirken mit befreundeten Musikern klassische Texte und Erläuterungen russischer Lyriker*innen zur Aufführung brachte – unter dem Titel „Russische Lyrik im Spiegel der Zeit“ jahrelang mit viel Erfolg im Rahmen des Programms der Bremer VHS – bis diese Kooperation mit vorgeschobenen Gründen 2025 doch gecancelt wurde.
„Russland gehört zu Europa“. Diese Worte kamen kürzlich sogar Friedrich Merz über die Lippen. Das gilt ja nicht nur geografisch, denn die kulturelle Integration Russlands in Europa ist ja historisch über Jahrhunderte gewachsen. Liegt hierauf bei eurer Programmplanung ein besonderer Akzent?
Ja. Bei allen unseren Veranstaltungen möchten wir einerseits deutlich machen, dass Russland immer schon ein wichtiger Teil Europas gewesen ist, indem wir jeweils das Gemeinsame, das Verbindende herausstellen. Andererseits ist Russland aber auch viel mehr: es hat spannende, bunte, unbekannte Seiten, die die westliche Kultur durchaus bereichern könnten. Dafür stehen z. B. die Namen des Komponisten Dmitri Schostakowitsch, des Lyrikers / Musikers Bulat Okudschawa oder des Malers und Friedensaktivisten Nicolaj Roerich.
Welche Wirkungen haben die deutsch-russischen Friedenstage bisher über Bremen hinaus gehabt? Diese Frage hat vor dem Hintergrund von Russophobie und „Cancel culture“ ja eine besondere Bedeutung. Wie können örtliche Friedensinitiativen eure Erfahrungen aufgreifen?
Wir haben mittlerweile an mehreren Treffen deutsch-russischer Freundschaftsinitiativen teilgenommen und nehmen wahr, dass wir mit unserer gleichberechtigten Präsentation von historischen, kulturellen und politischen Themen eine gewisse Sonderstellung haben.
Wir setzen uns dafür ein, dass alsbald eine Informations- und Koordinationszentrale in Berlin entstehen möge, um allen interessierten Akteuren, einen Überblick zu ermöglichen, wo es russlandfreundliche Initiativen gibt, wie welche geeigneten Referenten, Akteure, Musikgruppen zu erreichen sind, wann und wo welche Aktionen, Konzerte, Veranstaltungen, Ausstellungen stattfinden. Dazu passt aus unserer Sicht hervorragend Euer Engagement für eine Kulturbörse der Friedensbewegung „Sag mit wo die Blumen sind…“ !
Wir sind rein ehrenamtlich – in Bremen – tätig, sind immer bereit, über unsere Arbeit(sweise) zu berichten und interessierte Fragen zu beantworten, haben aber nicht die Kapazitäten für lange Reisen im Bundesgebiet.
Gerne empfehlen wir einen Blick auf unsere Homepage. Da ist die Vielfalt unseres Angebotes für Themen und Kulturveranstaltungen erkennbar. Da sind für Initiativler sicher auch Anregungen zu finden.
Willkommen auf www.deutsch-russische-friedenstage.de
