Kai Degenhardt: Von Gegenwehr und großer Hoffnung
Interview von Melina Deymann mit Kai Degenhardt
Quelle: UZ vom 26. Juni 2026
Auszüge:
UZ: Deine Texte sind ja hochpolitisch – und die Aussichten sind momentan schlecht, wenn man an Frieden, soziale Sicherheit und Freiheit denkt. Schimmert da auch irgendwo Hoffnung zwischen dem Tellerrand und dem Horizont?
Kai Degenhardt: Ja sicher. Ich besinge ja auch gleich in mehreren Stücken des Albums die Arbeitskämpfe und Streiks, die schon geführt werden, und die, die noch kommen müssen – von Abwehrkämpfen, um Tarifliches wie „Pausen und Prozente“ oder um politisch Weitergehendes wie das Blockieren der Seehäfen für Rüstungsgüter. So wie das vor ein paar Monaten die Kolleginnen und Kollegen in Genua und anderen Hafenstädten Italiens ja, für ein paar Tage jedenfalls, geschafft haben. Das macht mir schon Hoffnung. Auch die junge, antikapitalistisch politisierte und kluge Generation hier und heute, die sich zusammenschließt und organisiert. Die der Mobilmachung, Kriegskrediten und Kriegsertüchtigung den Krieg erklärt und „bereit zur Gegenwehr“ ist, wie ich in „Kein Friedenslied“ und dann auf „Tränen und mehr“ singe. […]
UZ: Erst haben mit Corona viele kleine Clubs zugemacht, jetzt wird der Korridor gerade für linke Künstlerinnen und Künstler immer kleiner, wollen sie sich nicht der Propaganda gegen Russland und der Staatsräson unterwerfen. Wie schätzt du die Situation der fortschrittlichen Kultur hierzulande ein?
Kai Degenhardt: Mit der Kategorie „fortschrittliche Kultur“ kann ich, ehrlich gesagt, nicht mehr viel anfangen. Ich fürchte, auch Campino, Niedecken oder Biermann würden sich noch dazu zählen.
Für alle, die wie ich den Anspruch haben, an einer Gegenkultur mitzustricken und darin zu wirken, die den Namen auch verdient, wird es natürlich immer schwerer. Die Räume, und zwar im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn, werden immer weniger und kleiner oder bleiben für uns ganz verschlossen. Und das hat natürlich mit der neuerlichen, reaktionären Zeitenwende zu tun und der damit verbundenen ideologischen Frontstellung. Die Durchmilitarisierung der ganzen Gesellschaft, von Politik und Medien, der Hoch- bis zur Alltagskultur, lässt im Kulturbetrieb eigentlich kaum noch Spielräume für Nicht-Gleichgeschaltetes oder gar klassenbewusst Widerständiges.
Es ist aber, denke ich, leider auch zu konstatieren, dass wir, die – ich sag mal ganz bewusst: klassenorientiert-revolutionäre Linke –, es in den letzten Jahrzehnten versäumt haben, eigene Räume, Formate und Einrichtungen zu halten oder auch neu zu etablieren, in der sowas hätte überleben und gedeihen können.
Im Grunde gilt das spätestens seit der Konterrevolution 1989/1991. Das Mit-dem Rücken-zur-Wand-Stehen, dezimiert und beschäftigt in ständigen Abwehr- und Existenzkämpfen, und, wohl daraus resultierend, das Verfolgen und Beschwören der großen, weitreichenden Bündnisfähigkeit, das hat, meine ich, mit dazu geführt, dass auch bei uns eine, oft ziemlich beliebige, „fortschrittliche“ Ästhetik des reinen Gefallenwollens betrieben und gefeiert wurde. Zumindest, was das zeitgenössische Kunst- und Kulturschaffen angeht.
Aber es gibt seit kurzer Zeit – das habe ich bei meiner Tingelei schon mitbekommen – an vielen Orten landauf, landab junge Künstlerinnen und Künstler oder sonstwie in der Kulturszene Tätige, oft aus dem Umfeld der antiimperialistischen, marxistischen und Palästina-solidarischen Szenen, die haben sich vorgenommen, genau das zu ändern. Sind dabei, sich zusammenzutun, überregional zu vernetzen, und beginnen, sich spartenübergreifend zu organisieren. In Gegenkultur-Kollektiven, bei Netzwerktreffen, mit Kulturstammtischen und dergleichen. Ich hoffe, das geht weiter und es gelingt, da wieder etwas aufzubauen an widerständiger Kultur-Szene. Eine, die nicht auf Versöhnung und Klassenkompromiss hinausläuft. […]
