Tino Eisbrenner: „Nicht gegen mein friedenssüchtiges Herz“
Der Songpoet Tino Eisbrenner im Gespräch mit Éva Péli über das Risiko, sich heute für Frieden einzusetzen, den Wandel der Künstlerschaft und den Mut zur eigenen Haltung. Das Interview erschien in der Print-Ausgabe von Hintergrund, Ausgabe 9-10/2026. Der Abdruck an dieser Stelle erfolgt mit freundlicher Unterstützung der Redaktion des Magazins.
Éva Péli: Sie stehen regelmäßig mit Gleichgesinnten wie Jens Fischer Rodrian auf der Bühne und setzen sich lautstark für den Frieden ein. Wie reagiert das Publikum auf Ihre klaren Botschaften? Und wie erleben Sie im Kontrast dazu die Reaktion von großen Veranstaltern, Medien und der eigenen Branche?
Tino Eisbrenner: Die Menschen, die zu meinen Konzerten kommen, wissen, wer ich bin und was ich sage und mache. Sie haben sich entschieden, dorthin zu gehen. In den Konzerten gibt es selten Widerstand. Wenn ich zum Thema Russland spreche, sitzt kaum jemand drin, der empört ist. Ich glaube, die Menschen kommen nicht obwohl, sondern weil ich meine Haltung habe.
Interessant ist es natürlich, wenn Konzerte verhindert werden – wenn sich zum Beispiel die Antifa bei Veranstaltern meldet und diese bedroht, damit sie Eisbrenner nicht auftreten lassen. Oder wenn Veranstalter sich vorausschauend selbst zensieren. Manche rufen mich direkt an und sagen: „Wir würden dich gerne einladen, aber wir bekommen Geld vom Senat, deshalb trauen wir uns nicht, dich auf den Veranstaltungsplan zu setzen.“ Dann gibt es natürlich auch welche, die sagen: „Den lasse ich nicht rein.“ Der Fächer ist groß, aber ich habe in den letzten Jahren gelernt, damit umzugehen und meine Position mit schlüssigen Argumenten zu verteidigen.
Oft verstehen die Leute gar nicht, worum es eigentlich gerade geht, weil einer wie ich nur noch mit Schlagworten etikettiert wird oder sich Publizisten sogar darin gefallen, von mir selbst gepostete Fotos zu nehmen und eine Lügengeschichte draus zu machen. Aber ich denke, wer mich nicht von vornherein in den Dreck ziehen will, der fragt auch in solchen Fällen nach, was genau ich sage und tue.
HINTERGRUND: In den 80er-Jahren gab es in Ost und West eine kraftvolle, unüberhörbare Bewegung der Künstler für den Frieden. Heute wirken engagierte Kulturschaffende, die sich aktiv gegen Aufrüstung und Militarisierung positionieren, oft wie Einzelkämpfer in der Nische. Was hat sich in der DNA der Künstlerschaft und im gesellschaftlichen Klima so grundlegend verändert, dass diese gemeinsame Bewegung zerbrochen ist?
Eisbrenner: Der Unterschied zu heute in Ost und West ist: Damals ging keine Gefahr davon aus, sich für den Frieden zu engagieren. Im Gegenteil, man war als Friedenskünstler irgendwie geadelt.
Heute sieht das ganz anders aus. Alles wird stigmatisiert, die Friedensbewegten werden mit Etiketten versehen: „Querdenker“, „gefallene Engel“, „Putin-Versteher“ oder „Antisemiten“. Die Frage steht: Halte ich das aus und sage laut, ich möchte, dass der Völkermord in Gaza aufhört, dass man uns nicht „kriegstüchtig“ macht, gegen wen auch immer, dass man uns Russland nicht zum Feind erklärt? Dass man anfängt, sich dafür zu interessieren, warum das alles stattfindet? Man muss heute mit Repressalien umgehen lernen und sich jeden Tag entscheiden, wozu man etwas sagt. Sogar beim Thema Frieden. Das ist der Unterschied. Aber wie kann ich denn gegen mein friedenssüchtiges Herz entscheiden und schweigen?
HINTERGRUND: Sie bezeichnen sich selbst seit vielen Jahren als Friedensberichterstatter. Was genau beinhaltet diese Rolle für Sie im Jahr 2026? Was kann und muss ein Künstler den Menschen heute über den Frieden berichten, was die klassischen Nachrichten und Lageberichte nicht tun?
Eisbrenner: „Friedensberichterstatter“ ist meine poetische Ableitung vom geläufigen Wort Kriegsberichterstatter. Der „Friedensberichterstatter“ ist mir nah, weil ich weiß: Wer Frieden will, muss Frieden denken. Wenn wir nur darüber nachdenken, wie wir Russland mit kriegerischen Mitteln in die Knie zwingen, werden wir nie einen Frieden mit Russland erreichen – und wahrscheinlich auf der ganzen Welt nicht. Wenn wir aber darüber nachdenken, was uns eigentlich mit Russland verbindet und wo die kulturelle Schönheit Russlands liegt, sieht das anders aus.
Selbst im Kalten Krieg war man in der Lage, Journalisten an den Baikalsee zu schicken. Klaus Bednarz oder Gerd Ruge haben berichtet, wie die Menschen dort leben. Man hat vor dem Fernseher gesessen und festgestellt: Das ist schön dort, und das sind ja auch Menschen wie wir. Wenn sie dann Lieder gesungen haben, haben wir gesagt: „Ach, die russische Seele, toll!“ Und umgekehrt hat uns, genau wie die Sowjets, die US-amerikanische und englische Rockmusik begeistert – trotz der Kriege, die diese Länder führten.
Wenn man das alles weglässt, ist man kein Friedensberichterstatter mehr, sondern geht in die andere Richtung. Ein Kulturschaffender sollte aber von Hause aus immer ein Friedensbotschafter sein. Ein Musiker, dessen Beruf darin besteht, Harmonie zu erzeugen, ist der geborene Friedensbotschafter – und als Harmoniesuchender eben auch ein Friedensberichterstatter.
HINTERGRUND: Sie betonen die Bedeutung der russischen Kultur als Brücke zum Frieden. Gleichzeitig erleben wir, dass in Russland Künstler, Journalisten und Friedensaktivisten, die sich gegen den Krieg aussprechen, drastisch verfolgt oder als „ausländische Agenten“ diffamiert werden. Wie gelingt Ihnen der Spagat als „Friedensberichterstatter“, die russische Kultur zu würdigen, ohne sich vom Staatssender im Kreml als Aushängeschild für die eigene Erzählung einspannen zu lassen?
Eisbrenner: Ich könnte es mir „leicht“ machen mit der Gegenfrage, ob wir mal in Deutschland die Journalisten, Publizisten, Militärexperten, Künstler und Friedensbewegten durchzählen wollen, die nach staatlicher Vorgabe unter Repressalien und Diffamierung leiden? Aber die Definition für „Agent“ lautet: Der im Auftrag Dritter handelt. Das ist also keine „Diffamierung“. Und ja, man hat in Russland Firmen oder auch Personen, wenn sie gänzlich oder partiell vom Westen finanziert werden, diesen Stempel verpasst. Eine Reaktion auf unsere Sanktionspolitik und vor allem eine Frage des Vertrauens, denn auch dort kennt man das Sprichwort „Wess Brot ich ess, dess‘ Lied ich sing“. Und wie viele russische Unternehmen sind bei uns verjagt worden, während in Russland viele westliche oder westlich finanzierte Firmen weiterarbeiten?
Bei der „drastischen Verfolgung“ müssten wir unbedingt ins Detail gehen. Es gibt in Russland eine Spaltung – gerade in den von Ihnen angeführten Kulturkreisen, die ich natürlich am besten beurteilen kann. Die meisten Gegner der russischen Politik haben Russland verlassen. Künstler, die oft nicht auf internationale Karrieren verzichten wollen, nur weil wir alles sanktionieren, was nicht gegen Putin redet. Und oppositionelle russische Künstler verdienen einen guten Dollar/Euro und der wiegt mehr, als ein guter Rubel. Stellvertreterkrieg über Sport und Kultur. Aber „drastisch verfolgt“ wird deswegen niemand. Künstler, die bleiben, werden rund um die Uhr in zig privaten Musiksendern gedudelt. MTV auf Russisch. Auf der anderen Seite die öffentlich-rechtlichen Sender, wo die „Patrioten“ auftreten und dazu alle, die sich unpolitisch geben. Und kommt uns das nicht bekannt vor?
Zu mir persönlich: Wenn ich im Ausland auftrete, etwa wie 2023 beim Festival „Weg nach Jalta“ im Kreml-Palast, bin ich dort kein Aushängeschild des Kremls, sondern eines für Deutschland. Ein Deutscher, der Völkerverbindendes symbolisiert, sollte überall als etwas Friedensstiftendes geachtet werden.
HINTERGRUND: Während die westliche Politik und die Leitmedien die massive Aufrüstung fast ausnahmslos mit einer permanenten Bedrohung durch Moskau begründen, reisen Sie weiterhin regelmäßig nach Russland und erleben den kulturellen Austausch vor Ort. Wenn Sie an das berühmte Gedicht von Jewgenij Jewtuschenko und Ihre ganz persönlichen Erfahrungen in Russland denken, was antworten Sie heute auf die Frage: „Meinst du, die Russen wollen Krieg?“
Eisbrenner: Immer noch dasselbe. Natürlich wollen die Russen keinen Krieg. Jewtuschenko hat dieses Gedicht 1961 aus der Erfahrung geschrieben, dass Russen Krieg führen mussten. Wenn man sich durch Russland bewegt, erfährt man an jedem Samowar, in jedem Taxi und an jedem Zeitungskiosk, dass die Russen den Krieg in der Ukraine beendet haben wollen. Und man erfährt übrigens auch, dass die Russen aus ihrer Sicht keinen Krieg gegen die Ukrainer führen, sondern gegen ein ukrainisches Regime, das sie als faschistisch bezeichnen.
Ist das einfach russische Propaganda? In der Ukraine bauen sie ein Bandera-Denkmal nach dem anderen, sie skandieren Losungen wie „Tod allen Russen“ nicht erst seit 2022, sie lassen keine andere Meinung zu, setzen Wahlen aus und behalten den Präsidenten einfach im Amt. Man sieht Hakenkreuzflaggen, für Kameras mit Hitlergruß posieren und zum Beispiel die Exhumierung des ukrainischen SS-Kollaborateurs Andrej Melnyk für ein Staatsbegräbnis? Aber unsere Amtierenden macht das nicht nachdenklich – und das macht mich nachdenklich.
HINTERGRUND: Sie sprechen von einem faschistischen Regime in Kiew. Die Ukraine sieht sich dagegen in einem Abwehrkampf um ihre staatliche Existenz. Verharmlost man durch den Begriff „Faschismus“ nicht das militärische Vorgehen Moskaus und spricht der ukrainischen Bevölkerung damit das Recht ab, sich zu verteidigen?
Eisbrenner: Nichts von dem, was ich gerade beschrieben habe, hat etwas mit Abwehrkampf zu tun. Das läuft vor aller Augen seit 2010, staatlich legitimiert seit 2014. Und es gibt einen Grund, warum schon lange vor 2022 Millionen Ukrainer ins Ausland geflohen sind – wobei Russland mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als der gesamte Rest der Welt.
Einen achtjährigen Abwehrkampf führten vielmehr die russischstämmigen Ukrainer im Donbass. Ihre Städte und Dörfer wurden von der Kiewer Staatsmacht in Schutt und Asche gelegt. Warum? Weil sie Russen sind und selbst bestimmen wollten, ob sie ihre Sprache sprechen dürfen oder nicht. Um viel mehr ging es ursprünglich nicht – bis der Westen begann, eine der Seiten gezielt aufzurüsten. In vielen Regionen der Ostukraine wurde dieser Widerstand militärisch unterworfen. Der Donbass hielt stand, die Krim ebenso. Und es kann auch jetzt niemand von uns seriös sagen, wie viele Ukrainer die russische Intervention aktuell vielleicht sogar als Befreiung sehen.
Wir Deutschen hatten doch genau diese Spaltung in unserer eigenen Geschichte. Wir müssten wenigstens ahnen, dass hier kein simples Schwarz-Weiß-Denken funktioniert und man nicht so „schlicht“ behaupten kann, wer dort welche Interessen verteidigt.
Was die staatliche Existenz angeht: Die war mit dem Minsk-II-Abkommen abgesichert. Warum also haben die in- und ausländischen „Verteidiger“ der ukrainischen Souveränität nicht einfach dieses Abkommen durchgesetzt? Da hätte man Russland sogar als Verbündeten und Bürgen an der Seite gehabt. Warum war das nicht gewünscht? Das sind die entscheidenden Fragen, die wir uns bis heute stellen müssen.
HINTERGRUND: Warum schweigt die Masse angesichts einer realen Weltkriegsgefahr so beharrlich?
Eisbrenner: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es gibt Menschen, die resigniert sagen: „Ob ich etwas sage oder nicht, ändert sowieso nichts.“ Andere sorgen sich um ihre Arbeit und fürchten, in eine Ecke gestellt zu werden.
In dieser Situation bleibt die Friedensbewegung still. Wir sehen, dass sie Finanzen und große Bühnen braucht, um wirklich laut sein zu können. Wenn das Geld fehlt und die Partei Die Linke sagt: „Das finanzieren wir nicht, da sind uns zu viele ‚Querdenker‘ auf der Demo“, dann stirbt an dieser Stelle die Wirkungskraft. Dann fehlen große Künstler oder Bühnen – und die Menschen ziehen sich zurück. Die großen Medien berichten nicht über Aktivitäten oder reden sie klein.
Dazu kommt etwas, das ich als ehemaliger DDR-Bürger gut vergleichen kann: Wenn du in der DDR eine Haltung gezeigt hast, mit der die Machthaber nicht einverstanden waren, kam jemand auf dich zu und fing an, an dir herumzuerziehen. Erst wenn du stur geblieben bist, gab es Maßnahmen. Heutzutage kommt niemand mehr auf dich zu – sie sortieren dich einfach hintenrum aus. Da werden Aufträge nicht verlängert, man wird nicht mehr ins Programm genommen oder Lehraufträge werden gestrichen. Das passiert immer öfter. Da ist es plötzlich auch vorbei mit der Meinungs- und Kunstfreiheit. Es geht hierbei nicht nur um die persönliche Freiheit eines Künstlers, sondern auch um die Freiheit, die allen weggenommen wird, weil sie nicht mehr wagen zu widersprechen.
HINTERGRUND: Sie sagen, in der DDR habe man abweichende Meinungen „erzieherisch“ verhandelt. Doch auch in der DDR führten verweigerte Anpassung oder Widerspruch zu Berufsverboten, Ausbürgerung oder Haft. Verklären Sie das nicht etwas, wenn Sie der heutigen Bundesrepublik eine noch subtilere Härte attestieren?
Eisbrenner: Verweigerte Anpassung setzt erzieherische Maßnahmen voraus. Das ganze System war ab 1945 darauf ausgerichtet, die Menschen, die eben noch „HH“ gebrüllt hatten, durch Umerziehung zum Umdenken zu bewegen.
Überall saßen geschulte Funktionäre und man wusste von „Horch und Guck“. Da die nachgeborenen Funktionäre oft nur noch angelernte Dogmatiker ohne eigene Überzeugungen waren, wurden sie zunehmend neurotischer. Eingriffe fielen radikaler aus. Aber für die Menschen gab es dadurch ein Frühwarnsystem.
Zudem gab es strukturell das Prinzip der Diskussion – etwa über die „Eingabe“, auf die jeder Bürger nach wenigen Tagen eine verlässliche Antwort erhielt. Ich kenne heute Menschen und Organisationen, die im aktuellen System behördlich nie eine Antwort bekommen.
HINTERGRUND: Wie ist unter diesen Vorzeichen überhaupt noch Entspannungspolitik denkbar? Und welche Rolle können Kunst und Kultur spielen, um Dialogräume wiederzubeleben, wenn die offizielle Politik auf ganzer Linie versagt?
Eisbrenner: Das ist für mich ein sehr großes Thema. Ich lebe nun mal in Deutschland und beobachte, dass Kunst hier grundsätzlich viel zu geringgeschätzt wird – ganz unabhängig von Konflikten oder Politik. Obwohl sie der direkte Weg ins Herz der Menschen ist, in die Seele eines Volkes.
Das ist der Grund, warum man nicht auf die Idee kommt, dass Kunst und Kultur die verbleibende Brücke sein könnten. Die echte Verbindung zwischen den Völkern ist die Kultur. Wenn du an irgendein Land auf der Welt denkst und gefragt wirst, was du darüber weißt, fällt dir immer zuerst etwas Kulturelles ein – kein Politiker oder Premierminister. Es sind die Opern, die Folkmusik, die Malerei, das Essen.
Ich weiß nicht, ob die Politik über die Jahre Angst vor Kunst und Kultur entwickelt hat und sie deshalb als unwichtig abtut – als „nicht systemrelevant“. Damit wird die Kunst ihrer eigentlichen Aufgabe beraubt: das zu sein, was zwischen den Menschen entsteht und sie verbindet. Ich bestehe darauf, dass Kunst die Brücke zwischen den Völkern sein muss.
Man steht damit oft alleine da. Das Schlimme ist: Die Künstler selbst sind in den letzten hundert Jahren offenbar zu der Erkenntnis gelangt, dass ihre Aufgabe rein in der Unterhaltung besteht. Das hat mit der Kommerzialisierung zu tun: Wenn du besonders unterhaltsam bist und viele Leute erreichst, hast du automatisch recht und verdienst Millionen. Wer mit seiner Haltung stört, bleibt in der Nische. Die große Unterhaltung scheffelt das Geld. Das Prinzip des Kapitalismus, aus allem Profit zu schlagen, arbeitet der Kunst direkt entgegen.
Es ist so weit gekommen, dass Künstler selbst sagen: „Nee, ich mache nur Unterhaltung.“ Noch vor hundert Jahren war das anders, wenn sich Künstler erhoben haben – wie Bertolt Brecht, Thomas Mann, Stefan Zweig, Frida Kahlo oder Diego Rivera mit ihren Ideen für die lateinamerikanische Gesellschaft. Auch Pablo Neruda hat auf die Politik eingewirkt. Es war nicht egal, was ein Künstler dachte oder ob er schwieg.
Durch Kommerzialisierung und Angstmache hat man es geschafft, die Künstler ihrer eigentlichen Aufgabe zu berauben. In der DDR haben wir gelernt, was künstlerische Verantwortung bedeutet: In dem Moment, in dem du etwas von dir gibst, mischst du dich ein. Das heißt nicht zwingend, politische Lieder zu singen, sondern Lebenspoesie zu vermitteln. Pablo Neruda hat seinen Nobelpreis für Liebesgedichte bekommen. Der Geldverdienismus hat mit der Ansage „Wenn dich alle lieb haben, du niemandem wehtust und alle unterhältst, bist du ein großer Künstler“ alles plattgemacht. Jetzt, wo Haltung gebraucht wird, gibt es nur wenige Figuren, die sagen: „Ja, das ist meine Aufgabe – zu bilden und Brücken zu bauen.“
HINTERGRUND: Sie verstehen sich als Brückenbauer in einer Zeit, in der fast täglich Brücken abgebrochen werden. Was gibt Ihnen persönlich, sowohl als Künstler als auch als Mensch, die Kraft und Motivation, unter diesen erschwerten Bedingungen und gegen den herrschenden Zeitgeist unbeirrt weiterzumachen?
Eisbrenner: Eine ganz einfache Antwort: Das ist das Herz. Wenn das Herz sagt, dass du diesen Weg gehen musst, ist es egal, woher der Wind weht und wer dir was vorwirft. Wenn du das Herz sprechen lässt, fangen die Leute an, dir zu vertrauen – selbst, wenn sie nicht in allem deiner Meinung sind.
Es ist immer das Herz, das einen irgendwo hinführt. Schlimm ist es, wenn man in die Lage kommt, sein Herz zu verraten, nur um nicht in der Ecke zu stehen. Als ich 2023 beim Festival im Kremlpalast aufgetreten bin, haben viele Leute mich neu erkannt und gemerkt: Okay, da ist einer, dem es nicht auf den kommerziellen Erfolg ankommt. Dann muss es sein Herz sein, das da spricht. Dadurch sind viele Menschen auf mich zugekommen und wollten mir sagen, wie dankbar sie sind, dass ich das gesagt oder getan habe, weil sie sich selbst nicht trauen würden. Da merke ich, dass ich nicht nur unterhalten, sondern für sie gesprochen und gesungen habe. Daraus ziehe ich Mut und Rückenwind, um weiterzumachen.
Etwas anderes wäre es, wenn das gesamte Publikum sich abwenden würde. Aber so ist es nicht. Viele Leute kommen hinzu und strömen herbei, wenn ich auftrete. Sie wollen nicht mehr nur den ersten alten Hit „Ich beobachte dich“ hören, sondern „Kraniche“, das Friedenslied von heute. Das sind die Momente, die mir Kraft geben, auch schwierige Situationen auszuhalten.
Ich verstecke mich nicht und nehme die Diskussion gerne an. Es gibt Leute, die sprechen nicht mehr mit mir. Aber es gibt andere dazwischen, die unsicher sind und anfangen zu diskutieren. Ich lasse mich auf alle ein. Nach einer Weile stellt sich heraus, ob sie die Russen nur hassen wollen oder ob sie sich ehrlich dafür interessieren, wie dieser Konflikt begonnen hat und wie er beendet werden kann. Da bin ich wieder bei meiner eigentlichen Aufgabe: Bildung.
Tino Eisbrenner (geboren 1962 in Berlin, damals Hauptstadt der DDR) ist deutscher Musiker, Songpoet und Friedensaktivist. Nach Kindheitsjahren in Bulgarien, Abitur und Grundwehrdienst feierte er in den 1980er-Jahren mit der Rockband Jessica sowie als Solokünstler große Erfolge. Ab 1992 widmete er sich Benefizprojekten und lebte zeitweise bei indigenen Völkern in Lateinamerika. Seit 2010 stehen Konzerttourneen im postsowjetischen Raum sowie sein friedenspolitisches Engagement im Zentrum seines Schaffens. Mit 24 Musikalben ist er auch Autor mehrerer Bücher.
